On the Road again

Igel Otto ist ein wenig aufgeregt, als ich ihn an seinem Stammplatz hinter dem Windschild meiner Kawasaki Versys 650 festzurre. Noch nie hat er sechs Monate Winterschlaf gehalten. Ende März hatte er zwar schon kurz die Augen geöffnet, aber die Maßnahmen anlässlich Covid 19 haben ihn gleich wieder weiterschlummern lassen.


Einmal schlafen noch, Otto! Eine Nacht noch- dann sind wir ON THE ROAD AGAIN!
Sonntag, 17.5.2020- Chris ist sicher schon seit 8.00 unterwegs zum Kurven Wetzen nördlich der Donau.

Ich bevorzuge um diese Zeit noch ausgiebig zu frühstücken und Proviant herzurichten. Wer weiß, ob die Gasthäuser wirklich wieder geöffnet sind!
Die Maschine springt auf Anhieb an, das satte Singen des Motors klingt mindestens so schön wie Beethovens Sechste in meinen Ohren. Nicht nur Ottos Augen blitzen vor Freude, als sich um 11.00 das Garagentor öffnet und wir in die strahlende Sonne hinaus fahren. Ein kurzer Reifen- Check an der Stammtankstelle- nicht mal Druckverlust während der Winterpause!- und die erste Ausfahrt des Jahres kann beginnen.
Igel Otto, seit Jahren mein treuer Wegbegleiter und sonst kaum aus der Ruhe zu bringen, winkt heute wirklich JEDEM Motorrad zu, das uns auf dem Weg von Wien West in den Donauraum entgegenkommt. Rieder Berg, Sieghartskirchen, Atzenbrugg (wo immerhin Franz Schubert längere Zeit gelebt und gewirkt hat)… für etwa eine Viertelstunde heften wir uns an die Fersen eines Biker-Paares, das aber bald auf den großen Parkplatz des beliebten Ausflugslokales Lumpazi Bräu in Hollenburg abbiegt. Noch haben wir keinen Hunger, die Maschine schnurrt auch zufrieden mit gut gefülltem Tank. Weiter geht’s. Stift Göttweig thront hoch oben zur Linken,

wir erreichen Mautern, schwenken nach Westen, bleiben aber am südlichen Donauufer, weil die Straße hier zwar gut ausgebaut, aber wesentlich weniger frequentiert ist, als die Wachau- Bundesstraße im Norden.
Wir kommen durch romantische, mittelalterliche Ortschaften mit ehrwürdigen romanischen Kirchen, vobei an Winzerhäuschen, Buschenschanken, Gasthöfen. Rossatz, St.Lorenz, Oberarnsdorf,… Die berühmte Wachauer Marille ist auch außerhalb der Blüh- oder Erntezeit allgegenwärtig: entlang der „Marillenmeile“ entdecken wir mehrere kleine Verkaufsstände, an denen regionale Produkte angeboten werden: Marmelade, Saft, Likör, Schnaps. Ist ja gut, Otto, sage ich, und nehme die Hand vom Bremshebel. Hast ja Recht. Also bleibt der Schnaps an der Budel stehen.
Von hoch oben blickt die Burgruine Aggstein grimmig über den Fluss und die im Tal dominierenden Wein- und Obstkulturen. Immer wieder heißt es aufpassen auf Radfahrer, die heute diesen Abschnitt des parallel zum Ufer verlaufenden Donauradweges zahlreich frequentieren.


Die Jausenstation meiner Freundin Patrizia, direkt unterhalb von Schloss und Kloster Schönbühel gelegen, hat noch geschlossen. Immerhin hat die spätere Kaiserin Sisi hier im Gasthof schon einmal genächtigt, auf der Fahrt nach Wien, zur Hochzeit mit ihrem Franz Josef. Otto und ich müssen jedoch wo anders einkehren, und ich entscheide mich für das Fährhaus an der Schiffsanlegestelle unterhalb der Benediktinerabtei Stift Melk. Der gemütliche Gastgarten, direkt an der Donau gelegen, hat sich schon oft als Treffpunkt bewährt, und ich hoffe ja den zweiten Teil der Tour mit Chris gemeinsam fahren zu können. Normalerweise liegen hier die Passagierschiffe, aus denen sich die Touistenmassen in die Stadt und das Barockstift ergießen, aber heute ist alles friedlich und fast idyllisch ruhig. Gerade als ich eine Nachricht an Chris zu tippen beginne, ruft sie an. Von ihrem Standort Pöggstall sind es nur etwa 25 Kilometer Distanz nach Melk, also wird sie in etwa einer halben Stunde da sein. Da geht sich nach dem gebratenen Zander locker noch ein Kaffee aus! Tatsächlich höre ich zur berechneten Zeit das vertraute Brummen ihrer schwarzen Versys. Also wird die Mittagspause verlängert, damit auch Chris satt wird.


Am Rückweg geht es dann erstmal ziemlich kurvig durch die sanfte Hügellandschaft des Dunkelsteiner Waldes. Außer uns ist kaum jemand unterwegs. Die wenigen Sonntagsfahrer überholen wir zügig. Im Licht der späten Nachmittagssonne genießen wir wieder einmal den weiten Blick über die südlicher gelegene Voralpenlandschaft.
Chris hat Sorge um ihren guten Kuchen, den sie seit dem Vormittag im Rucksack verstaut hat. Sie hat ihn aus der nicht nur bei Bikern sehr beliebten Konditorei Schörgi in Grein an der Donau mitgenommen.

Deshalb beschließt sie, ab St Pölten direkt auf der Autobahn nach Wien zu fahren. Igel Otto und ich kreuzen noch eine weitere Stunde durch den Wienerwald, wobei wir den kleinen Ort St.Corona (!) ganz bewusst nicht auslassen.


Es dämmert schon, als wir in Hütteldorf ankommen. Otto möchte unbedingt am Motorrad sitzen bleiben, und mault nun doch. Erstens weil er vom Schörgi- Kuchen nichts abgekriegt hat, und zweitens, weil er sich doch mehr als 220 Kilometer an so einem herrlichen Frühsommertag erwartet hätte.
Gut, Otto! Bei der nächsten Ausfahrt dann. Ehrenwort!

Bericht von Su

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